107 Jahre voller Optimismus

Was bedeutet es, wenn man heute auf ein Leben zurückblickt, das sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckte? Welche Lehren, Emotionen, Werte überspannen diesen langen Zeitrahmen? Dies ist die persönliche Erzählung über meine Oma Hildegard Barzen, die mit einer bewundernswerten Art und Haltung durchs Leben ging und viele Spuren in mir hinterließ.

Ihre Geschichte steht stellvertretend für eine Generation, die unendlich viel erlebt hat. Ich lade mit diesem Artikel dazu ein, innezuhalten und teilzuhaben an einem Leben, das für mich ein Vorbild war und ist – und das allgemein ein Spiegel für die Fragen von heute sein kann.

Als ich meiner Großmutter im vergangenen Winter erzählte, dass ein Porträt über sie im Lebens.Werte-Magazin erscheinen solle, freute sie sich sehr darauf. Wir beschlossen, den Text gemeinsam zu schreiben. Aber manchmal verändern sich die Dinge im hohen Alter ganz schnell. Und so schreibe ich diesen Lebensrückblick nun alleine.

In den vergangenen Monaten unterhielten wir uns viel über diese verrückte Zeit der Pandemie. Sie meinte zu mir: “Ich habe schon viel erlebt, aber so etwas wie jetzt, das gab es noch nie.“ Was meinte sie damit?

Der Weg durch schicksalhafte Zeiten
Meine Oma wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg geboren und wuchs gemeinsam mit sieben Geschwistern an der Mosel auf – in bescheidenen aber glücklichen Verhältnissen. Ihre Eltern führten ein Weinbauunternehmen. Sie erlebte zwei Weltkriege, das Gefühl von Hunger und sechs Jahre Kriegsgefangenschaft ihres Mannes, den Tod von zweien ihrer drei Kinder, den Tod all ihrer Freunde und engen Verwandten.

Diese Tiefpunkte hatten sie all die Zeit nicht davon abgehalten, mutig die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und notwendige Entscheidungen beherzt und mit Zuversicht zu treffen; etwa während der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als sie in Abwesenheit ihres Mannes gezwungen war, sich mit drei Kindern alleine durchzubringen. Sie wusste, dass sie nur zwei Hände hatte und bei einem Bombenangriff nur zwei Kinder festhalten konnte. Also entschied sie sich, ihr jüngstes Kind bis zum Ende des Krieges zu ihrer Schwester zu geben. Alle drei Kinder überlebten den Krieg gesund.

Diese positive Haltung lebte sie während ihres gesamten Daseins. Sie kannte die Situation, wenn das Schicksal „zuschlägt“. Und doch behielt sie ihre Zuversicht und Ausstrahlung. Sie sah immer einen Weg, eine Perspektive. Was ihr dabei Kraft gab? Sie konnte sich an den kleinen Dingen freuen: gemütliches Kaffeetrinken auf ihrer Terrasse, ein schönes Telefonat, ihre Orchideen am Fenster, ein Gespräch mit dem Urenkel, ein Glas Champagner.
Keine Frage, dass sie auch nach dem Tod ihres Mannes, im Alter von 80 noch lernte, sich um alle Finanzgeschäfte selbst zu kümmern. Ihr Wunsch war es, selbstbestimmt zu leben, nicht abhängig zu sein.

Sie hatte auch keine Scheu, um Hilfe zu fragen, wenn es nötig war. Für sie hatte Familie immer einen ganz besonderen Stellenwert. Wie eine große Löwin stellte sie sich vor die Menschen, die sie liebte. Und sie konnte sich immer darauf verlassen, dass wir ihr den Rücken stärkten. Oft habe ich gedacht, meine Oma würde an gewissen Situationen zerbrechen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass der Verlust eines Kindes das Schmerzhafteste ist, was passieren kann, unabhängig vom Alter. Sie und mein Vater, ihr Sohn, blieben zeitlebens besonders eng verbunden. Er starb vier Tage nach ihrem 100. Geburtstag. Sie wusste an jenem Tag, dass es das letzte Treffen sein würde. Trotzdem genoss sie diesen 14. Februar 2014. Natürlich war sie sehr traurig. Doch sie sagte: „Ich kann nicht ändern, was passiert ist – ich muss und will nach vorne sehen.“ Das bedeutet nicht, dass sie nicht litt, aber sie konnte annehmen, was nicht zu ändern war. Und sie freute sich auf das, was noch kommen sollte.

Rituale, Rhythmen und eine positive Lebenseinstellung geben Halt
Und genauso hat sie gelebt. Sie war fast immer im gegenwärtigen Moment. Sie nahm das Hier und Jetzt an, freute sich jeden Frühling über die aufblühende Natur. Sie genoss jedes Gespräch, jeden Moment in der Familie und mit Freunden. Manchmal kam sie natürlich ins Grübeln. Das dauerte aber nie lange. Sie wusste, dass ihr das nicht hilft und eher einen grauen Schleier auf die Gegenwart wirft.
Rituale spielten in ihrem Leben eine große Rolle. Sie frühstückte spätestens um neun Uhr. „Wenn man in meinem Alter nicht aufsteht, dann bleibt man ganz liegen.“, bekräftigte sie stets. Das behielt sie ebenso bei wie den ganz besonderen Kuchen jeden Samstagnachmittag in der Familie und das fast tägliche Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel.

Rückblick und Rat
Wenn mich jemand fragt, wie sie es schaffte, 107 Jahre alt zu werden und dabei geistig fit zu bleiben, dann ist es (neben der Tatsache, dass sie bis zum Alter von 90 Jahren Yoga übte) der unbedingte Wille, noch etwas zu erleben, positiv nach vorne zu blicken, ihr ehrliches Interesse an anderen Menschen und ihre Dankbarkeit für das, was sie hatte. Auch ihr christlicher Glaube und das Bewusstsein, von etwas Höherem geführt zu werden, gaben ihr zeitlebens Halt und Kraft.
Manchmal überraschte sie uns mit einer sehr modernen Haltung. Sie bekräftigte jeden:

„Probiert das Leben erst mal aus, bevor ihr euch festlegt. Lernt verschiedene Berufe, nehmt euch Zeit, findet heraus, was euch erfüllt.”

Mit dieser Haltung fand sie Veränderungen spannend und war eine gute Zuhörerin.
Jedes Treffen mit ihr verging nicht ohne eine innige Umarmung. Nähe war ihr wichtig. Und so entschied sie ganz bewusst, dass wir sie auch in Zeiten von Corona ohne Maske und mit Umarmungen besuchen sollten. Sie wollte die ihr verbleibende Zeit in Gesellschaft und nicht in Isolation verbringen. Emotionen sehen, Umarmung spüren, sich verbunden fühlen, das waren tief in ihr verwurzelte Werte. Viele kritisierten mich, dass ich diesem Wunsch immer entsprach. Ich finde aber, dass es ihr Recht war, für ihr Leben zu entscheiden. Sie lebte bis zum Schluss in ihrem Haus.

Bescheidenheit hält gesund
Ich habe sie nie klagen gehört über das, was sie nicht hatte. Sie schätzte das, was da war. Selbst als ihr Körper in den letzten Wochen einfach müde war, empfand sie Dankbarkeit. Sie war dankbar, im Kopf noch fit zu sein und sagte: „Hauptsache, ich bleibe klar im Kopf. Mit 107 Jahren ist es ja klar, dass das eine oder andere körperlich nicht mehr so ganz funktioniert.” Und wenn sie sich doch einmal Sorgen machte dement zu werden, dann beruhigte ich sie: „Dafür bist du jetzt wirklich zu alt. Das passiert mit 80.“ Sie lachte und stimmte mir zu.

Wenn ich jetzt an sie denke, dann denke ich auch an ihr Lachen, das ihr immer geblieben ist. Mit dieser Haltung und Lebensfreude konnte sie die aktuelle Unzufriedenheit vieler Menschen nicht verstehen. Wir haben eigentlich alles und jetzt gibt es eine Zeit der Einschränkung. In ihren Augen überwog das Positive. Sie hätte gerne auch noch diesen Frühling auf ihrer Terrasse erlebt. Aber ich denke, dort wo sie jetzt ist, blühen das ganze Jahr über Blumen.

Oft erzähle ich in meinen Coachings oder Workshops dabei voller Stolz Erlebnisse meiner Oma.